
Ausgegraben: alte Anflugkarten. Salzburg Rollfeld 500 x 500 m. Anflugrichtung egal? Niemals Seitenwind?? Mehr tolle Karten von europäischen Flugplätzen von 1931 gibts hier.

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Verliebter Passagierblick aus der Airberlin auf „meine“ Piste in Salzburg.
Aufgabe: Dreiecksflug. Gefühlt allergrößte Hürde (von vielen) der Pilotenausbildung. Alleine durch die Berge, drei Flughäfen. In den letzten Tagen den Fluglehrer gezwungen, die geplante Strecke 2x mit mir abzufliegen: Angst, mich zwischen all den gleich aussehenden Gipfeln zu verirren. Kann ja nicht anhalten und nach dem Weg fragen.
Am Morgen des Flugs: Nebel an einem der Flugplätze. Kruzifix. Keine Chance, starren auf milchige Webcam. Plan bricht zusammen. Ausweichflughafen: nur einmal angeflogen, Monate her. Studiere ICAO Karte, Navigations-App, Anflugblatt. Bei Zell am See geradeaus, bei Bischofshofen auch. Sollte ich finden, also go. Bei Flugplanaufgabe versagt das österreichische IT-System. Ein Zeichen? Überfüllter Pilotenraum, Feiertag, alle wollen weg, keiner kann. Flugpläne ins Telefon diktiert, Chaos. Hoffe, im Luftraum geht nichts durcheinander. Tanken. Zeit läuft, kurzes Tageslicht, bin gestresst. Jemand gibt mir ein zweites Funkgerät. „Für alle Fälle“, wie ermutigend. Immerhin: Maschine springt willig an. Nicht so beim Kollegen, der wieder aussteigen muss.
Melde mich beim Tower. „Taxi to Lima 3 via exit 1“. Sapperlot, Lima 3, keine Ahnung, wo das ist. Rolle trotzdem los, blättere hektisch im Anflugblatt. Gefunden, stoppe. Soll dort den Run-up machen. Dicker Airbus rollt mir entgegen, fühle mich winzig. Im Funk meldet die Cessna hinter mir Probleme beim Run-up, muss aufgeben, wendet zurück zum Hangar. Gott will meine Nerven prüfen! Rolle grimmig zu Runway 33 Echo. „Cleared for takeoff“. Vergesse Fuel Pump, Taxi Light. Transponder auch nicht an, fällt mir glücklicherweise im Steigflug auf, bevor Tower mich erinnert und vor allen Mithörenden blamiert.
Ziele auf Pass Lueg, bei uns „das Venturi-Rohr“, aus Gründen. Tower wünscht mir guten Flug, weiß, dass ich zum ersten Mal allein auf große Reise gehe. Die Berge so schön, aber auch irre nah. Erleichtert: in der Ferne schon Saalfelden, links der Zeller See. It’s under control. Überflugzeit auf Flugplan notiert. Eine Schwestermaschine vom Club saust über mich hinweg, heim nach Salzburg.
Bin auf 6.500 Fuß, muss runter auf 4.500. Flugplatz St. Johann hört mich nicht beim Erstanruf, shit. Sinke, neuer Versuch, jetzt Landeinfo. Piste ist 31, sehe sie, bin viel zu hoch. Drücke Maschine runter, Speed steigt. Gleich fliegen mir Flugzeugteile um die Ohren. Muss verlangsamen, ziehe hoch. Landebahn kommt näher, nur ich komme nicht genug runter. Noch ein Gewaltversuch, Piste ist kurz, es muss passen. Irgendwo meldet sich ein weiteres Flugzeug. Ich entscheide. „Oscar Mike Bravo im Endanflug 3-1, ich starte durch“. Tower sagt: „Jaaa, dös gäht si ned aus, waas?“. Soll über der Ortschaft ausholen, dann wär’s leichter. Wieder hoch auf 4.000, muss über Bergausläufer in die Platzrunde. Neuer Anflug nach Schulbuch: Flaps 10, 70 Knoten. Flaps full, 60 Knoten. Butterweiche Landung. Geht doch.
Kaum ausgestiegen, Fluglehrer ruft an, in Sorge. Soll mich beeilen. Also los, wieder Zell am See – Bischofshofen – Autobahnkreuz – Fluss. Auf meinem alten iPad folgt ein kleines Flugzeug tapfer der pinkfarbenen Linie. Flugplatz Niederöblarn in Sicht, fliege sauber an, Punktlandung. Beim Parken auf der Wiese Norden mit Westen verwechselt. Egal. Kopfschmerzen, Schokoriegel. Aus dem Towerfenster lehnt ein Mann, ob er meinen Flugplan schließen soll. Ins Restaurant, bezahle Landegebühr, Smalltalk. Hinter der Dame dampft ein Schweinsbraten.
Draußen magische Stimmung, innehalten, Foto. In der Luft Bilderbuch, Abendrot. Kürze Strecke ab, über’s Winterstellgut, dann schon Kontrollzone Salzburg. Tower schickt mich zu Sierra. Nie so angeflogen, aber Sierra finde ich, rote Brücke. Landebahn funkelt von weitem in der Dämmerung. Knipse Positionslichter an. Windstill, in Zeitlupe perfekte Landung. Salzburg – Tirol – Steiermark in zweieinhalb Stunden. Der Himmel glüht feierlich: geschafft! Alles, was an Prüfungen noch kommt, ist leichter als dieser Flug. Bin erschöpft, aber glücklich.
…oder?

Das Messer zwischen den Zähnen: wild entschlossen, heute. Touch & Go alleine auf kurzer 800m Piste in Schärding-Suben. Schlaffe Windhose, einmalig, sonst dort unfreundliche Turbulenzen. Dazu keine Segelflugzeuge, die den Luftraum „kontaminieren“ – längst schon winterlich zerlegt und in langen Zigarrenkisten in Hangars geschoben.
Fluglehrer steigt aus, bin bereit. Will zum Start rollen, doch Tower meldet: „Bitte Position halten, erst kommt ein Pferd, dann landet noch eine Maschine“. Haha, hab ich gestaunt. Das Pony auch. Dann in der Luft. Lange nicht mehr dort geflogen, aber das blaue Haus steht noch, dort rechts abbiegen. Dunst und Gegenlicht, sehe gar nichts, schemenhaft ein Wald, irgendwo dahinter der Flugplatz. Im Anflug Bäume und Hochspannungsleitungen, alles unnützes Zeug zum Hängenbleiben. Gas – drüber – Gas raus und abwärts. Drücke das Flugzeug runter, die Nase piekt schier in die Pistenschwelle.
Zwingend im ersten Drittel landen, wies der Fluglehrer an, sonst Problem. Doch da lungert eine Maschine herum, ich melde mal „Oscar Mike Bravo im Endanflug Piste 32“. Tower nuschelt zurück, kein Wort verstanden, sinke weiter auf die Maschine zu. Bitte Tower um Wiederholung: ich soll durchstarten. Zische darüber hinweg, Tower fragt Besatzung, was die da so lange treiben.
Neue Runde. Im Gegenanflug plötzlich auf 11 Uhr eine Maschine ganz nah, gleiche Richtung, gleiche Höhe, unbegreiflich, dass sie mich nicht gesehen hat. Biegt absehbar mitten in meinen Flugweg, ich melde wenig professionell „Oscar Mike Bravo, kurz vor Eindrehen in Queranflug 32 – ich hab eine Maschine direkt vor mir, fliege weiter geradeaus, oder?“. Ein 360°, bitte. Dann neuer Anflug, endlich freie Bahn. Während heikler Landevorbereitung ein wenig rumgeknipst. Vor lauter Respekt, dass die Bahn nicht reicht, acht perfekte Punktlandungen gemacht.
Hätte stundenlang weiterfliegen können. Doch Winter – die Tage sind schnell zuende. Also Full Stop. Zum Bezahlen in den Tower. Werde gelobt, bekomme Filterkaffee. Fluglehrer hatte Angst, verrät der Chef. Heimflug in hollywoodesquem Sonnenuntergang. Fluglehrer unberührt: Strömungsabriss-Übungen, bis die Maschine schüttelt, dann 45° Kurven, dann beides gleichzeitig. G-Kräfte signalisieren, wie lächerlich sicher wir uns fühlen. Fliege für die Kollegen über das Mediahouse, bitteschön, Foto. Untersberg dick mit im Bild. Salzburg Airport knipst uns die Lichter an. So beautiful! Bitte Zeit anhalten.
Wochenlang nur gebüffelt, Donnerstag Vorprüfung bestanden, Theorieprüfung in zwei Tagen. Kann keine Fragebögen mehr sehen, Albträume von Druckhöhen, geometrischer Schränkung, missweisender Peilung. Zeit für Luftwechsel, kleiner Flug am Freitag (ja, jenem Freitag) nach Mühldorf, Bayern.
Nach längerer Pause total überfordert: 14 Schalter, 40 Knöpfe, 12 Instrumente, 2 Digitalcockpits, 1 GPS, 4 Geschwindigkeiten, 3 Nordrichtungen, 4 Kurse, dazu das Funken. Fluglehrer korrigiert pausenlos. Verzweiflung.
Verlassen die hektische Salzburger Kontrollzone via Meldepunkt Whiskey und Teisendorf, nun 20 Minuten geradeaus, doch kein Verschnaufen. Fluglehrer entfaltet Luftfahrtkarte, Orientierungsübung Flüsse, Eisenbahnen, Ortschaften, von oben alles beliebige Bäumchen und Häuschen.
Funkmeldung bei „Mühldorf Info“, vorher Text auf meinem Kniebrett notiert, nicht im Stande, es auswendig zu leisten. Überall Maschinen in der Platzrunde, fädeln ein wie in Perlenkette. Pistenlänge 772m. Erstes Touch & Go, ein einfacher Platz. Mag ich. Die Anwohner rufen an, funkt der Tower, bitte südlicher kreisen. Schwebe schon wieder schräg mit Seitenwind zur Piste. Über uns ein gelber Kunstflieger, turnt durch die Luft, senkrecht nach oben, bis er abkippt und auf uns zutrudelt. Schaue halb auf die Piste, halb auf ihn, wie er ins Looping hochschnellt. Bin zu langsam im Endanflug, Überziehwarnung schrillt, jetzt Runterfallen wäre fatal. Fuß ins Seitenruder, linke Hand Höhenruder, rechte Hand Gas. Hätte ich weitere Extremitäten, es gäbe zu tun. Setzen weich auf, aber spät. Fluglehrer erledigt mit einer Geste fünf Handgriffe. „Gas!“. Der Mann im Tower funkt trotzdem: „Ihr macht aber schöne Landungen“.
Zurück nach Salzburg, Anflug im simulierten Instrumentenflug. Irgendwelche bunten Linien müssen auf der Anzeige digital übereinandergleiten, dann Linkskurve. Wir fliegen den Gleitpfad der Airliner, on Localizer, 4.000 Feet, established on ILS. Minutenlanger, kerzengerader Sinkflug zur weit entfernten Piste, tolles Gefühl. ‚PAPI‘ leuchtet zwei rot, zwei weiß, bis zum Aufsetzen. Schöner Flug, bin aber frustriert. Multitasking? Eine Legende. Sowas von.
Geschafft! Nun berechtigt, „den Sprechfunk in Luftfahrzeugen und bei Bodenfunkstellen in deutscher und englischer Sprache auszuüben“. Nach 22 Schulungsabenden und vielen Lernstunden gestern also im vernebelten Linz bei der Fernmeldebehörde 1. Instanz Antritt zur Prüfung. Hier eine heimlich aufgenommene Szene (das Fernmeldegeheimnis!) vom Funklehrer G., wie ich mittels eines beigen Funkgerätes aus dem letzten Jahrtausend mit einem Mann aus dem Salzburger Tower – heute unsichtbar im Nebenraum – um mein Leben funke.
Meine Flugstrecke: Nummer 13! Dem nicht genug noch Ablenkung durch die hässlichsten Vorhänge ever, die selbst der hereinquellende Herbst nicht überstrahlt. Über den Hergang der Prüfung weitestgehend Amnesie, Richtung Innsbruck ging der Flug, Kufstein ein Meldepunkt, meine eilige Mitschrift unterwegs nicht mehr entzifferbar. Das entscheidende Wort war ein Wollknäuel, und mir blieb nichts übrig, als zu melden „say again heading“. Lange nicht mehr so unter Stress gestanden, auch die Kollegen – das vegetative Nervensystem übernimmt, und Schreiben ist buchstäblich nicht mehr möglich. Die Übersetzung eines „NOTAMS“ (Notice for Airmen) nervengebündelt hingekrakelt, nur die Kreuze für den theoretischen Fragebogen waren motorisch bewältigbar.
Der geheimnisvolle große Mann aus dem Tower tritt ein und vermeldet: „Ich habe nur positives Feedback für Sie alle“. Aufstehen, eckige Gratulationsrunde. Eine letzte Gebühr von 14,30 Euro wird bar abgezählt. Der orange Schein ist grammatikalisch nur für Männer, nehme ihn dennoch. Trage ihn wie ein Nummerngirl an den draußen verängstigt wartenden nächsten Prüflingen vorbei (großer Moment).
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: am Abend sitzen wir schon wieder vier Stunden im Schulungsraum für die nächste Prüfung. Dafür ist beschlossen, mit den Funklehrern zum Feiern nach Innsbruck zu fliegen, um dort fürstlich Essen zu gehen. Meine Strecke 13. Forever!

Kreuz und quer durch Österreich geflogen heute Abend auf dem Papier. So sieht das aus, wenn man mit dem Tower redet. Am Boden noch mit Pringles und Maoam als Nervennahrung, irgendwann später in der Luft dann nur noch mit Nervenkostüm. Donnerstag ist Sprechfunkprüfung… bitte Daumen drücken!

Mein Flug-Buddy und ich bestimmen das Wetter!

Ich muss nahezu jedes Mal, seit 15 Jahren, diesen Blick fotografieren.