Winterblues

Ich habe 100 Mal „nicht aufgeben“ in mein Notizheft geschrieben und für heute wieder eine Maschine reserviert. Den Fluglehrer gleich dazu. Meine säuberliche Flugplanung nach Ried-Kirchheim ist für die Katz, im Pilotenraum beschließen wir als Ziel EDMY, Mühldorf. Eine Kollegin kommt in den Raum und berichtet, es sei sehr „bockig“ heute, Chiemsee, na toll. Da wollen wir hin.

Start alles gut, Chiemsee in Sicht, schon zieht mir der Fluglehrer das Gas weg – simulated engine failure. Wo ich notlanden würde? Ich zeige auf ein hübsches Feld am Horizont, Fluglehrer so: „vergiss es“. Außerdem halte ich die Maschine nicht bei 70 Knoten. Nochmal.

Jetzt suche ich ein grünes Feld, dann ein braunes, beides nicht genehm (zu viel Pflanzen, zu viel Erde). Traffic über uns, bin unkonzentriert. Suche nach Feld, suche nach Flugzeug. Wir einigen uns auf einen Streifen entlang einer Straße. Anflug lassen wir weg, ich suche statt dessen EDMY. Mein iPad rutscht auf meinen Knien herum, das GPS ist unbrauchbar klein und wimmelig. Chiemsee und dann nordwärts? Richtig! Ab auf 360 Grad.

Niedriger Überflug über Schönberg? Fällt aus, in Schönberg ist niemand zuhause. EDMY vor uns, wir kreuzen mittig über die Piste und rein in die Platzrunde. Slippen will ich üben, ab geht die Post, rechtes Seitenruder, linkes Querruder, Nase hoch. Die Stallwarnung schrillt, wir sinken nicht, Gegenwind und Thermik drücken von unten. Der Fluglehrer presst uns runter, funkt nebenbei, der Boden saust seitlich auf uns zu. Kurz vor der Piste noch ein paar Böen, Maschine geraderichten, und in Ruhe aufsetzen. Also… der Fluglehrer kanns.

Prop und Throttle full forward, Carburator heat rein, der Fluglehrer macht das alles mit einem Griff. Bodeneffekt, weiter gehts. Viel Verkehr, Schleppflug mit Segelflieger, Segelflieger neben uns, Segelflieger vor uns im kurzen Endteil. Der Tower ist keine große Hilfe, wir verkünden selbst, dass wir verzögern und ein 360 fliegen.

Noch drei Touch & Go mit Slippen, dann Ziellandung: wir kreuzen das Feld in 3.500 Fuß, Gas weg, „ohne Motor“ per Augenmaß links in die Kurve und zur Piste gleiten. Aufs Ende der Piste zielen. Ende der Piste? Bin beschäftigt, kann nicht nachfragen warum. 10 Meter fehlen zum passenden Aufsetzen, kurz Gas geben, aber es gilt als geschafft.

Abschlusslandung. Vor dem Tower ein Biergarten, sympathisch. Klettere Treppen hoch, schöner Ausblick. Landegebühren 30 Euro. Parallel werden sechs An- und Abflüge abgefertigt. Gewimmel am Boden.

Schon sind wir wieder in der Luft, und wieder nicht alleine, das FLARM piepst. Eine andere Katana ist über uns, same direction, wendet in Gegenrichtung. Dreh mich nach ihr um, verliere dabei 200 Höhenmeter. Wir rufen nochmal Schönberg, niemand da, und in Bad Endorf wohnen Menschen, die keinen Fluglärm mögen. Dürfen nur eine Platzrunde drehen in 2.500 Fuß, auf Wiedersehen, ab in Richtung Chiemsee.

Ein wenig Sightseeing, Schloss Herrenchiemsee, #iseefaces. Your controls, ich knipse. Hinten die schneeweißen Alpen, beautiful. Teisendorf is next, Pflichtmeldepunkt, hätte ich verdaddelt. Whiskey angepeilt, doch falsch, Fluglehrer weist mich um den Högl Hügel herum. Wir sind zu hoch, der Luftraum ist voll, die Flying Bulls sind on duty, dazu ein Hin und Her der Startbahnrichtung. ILS Approach auf die eins-fünf, zwei VFR auf die drei-drei. Wir müssen ins Holding West. Ich soll Vierecke fliegen, keine Kreise. Sagt der Fluglehrer. Ich darf dreimal üben, wir verbringen Zeit da oben. Traffic in Sight, wieder eine Katana, die knapp über uns kreuzt. Neuer incoming Traffic überm Localizer, ein Alphajet über Eugendorf, immediate Start am Boden. OE-CMC, join downwind 33 and maintain downwind until I call you. Bevor meine Nase in den Untersberg piekt kommt die Anweisung „join base“, wir drehen ein. Ein letztes Slippen, cleared to land, der Fluglehrer greift mit Händen und Füßen ein.

Wir rollen zum GAC, ich bin erledigt. Zuhause falle ich mit voller Montur auf die Couch, rappele mich erst nach einer Stunde auf, um die Jacke auszuziehen. Weder Navigation, saubere Aerodynamik, Mitschreiben, Slippen, Funken hat richtig geklappt, schon gar nicht alles gleichzeitig. Fühle mich wie in den ersten Flugstunden, es ist so unglaublich viel zu wissen und zu können, niemals wird das aufhören. Ich will mich anders fühlen, will die Maschine anders fühlen, wieder Routine aufbauen. So verzagt, und so grimmig entschlossen. Meistens. Ach. Winterblues, go home!

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