Clubausflug Part I: Wien und Spitzerberg

8 Uhr Treffpunkt im Pilotenraum, ich bin sehr, sehr müde. Letzte Nacht noch Flugvorbereitung gemacht und etliche Anflugblätter angeschaut, am längsten das von Wiener Neustadt Ost. Reichlich kompliziert. Das wird lustig, wenn wir dort heute mit sieben Maschinen gleichzeitig eintreffen.

14 Piloten sind dieses Mal dabei. Recht routinemäßig machen wir die Maschinen klar, ein erstes Foto der Flotte, noch kurze Absprachen über den Anflug und die Intercom Frequenz, falls wir uns unterwegs was fragen müssen.

Mein erstes Leg fliege ich mit Tim, der gerade die fantastische Zusage für die Pilotenausbildung der Lufthansa bekommen hat. Glückwunsch und super gemacht! (Hier liegt er gerade unter unserer Katana).

Wir rollen alle zum Start, und nach der siebten Clearance nach Spitzerberg will dann auch der Tower wissen, ob es dort heute was umsonst gibt!

Tim und ich wählen die Route durchs Flachland, cruisen in Windstille gemütlich auf 3500 Fuß Richtung Wien, bis dann doch die Berge kommen und wir steigen müssen, um keinen allzu großen Umweg fliegen zu müssen. Die Kollegen hören wir im Funk, zunächst auf Wien Information North, später auf Wien Information 118,525. Die Dame am Funk ist überwiegend damit beschäftigt, uns gegenseitig voreinander zu warnen. Bei 4-5 Maschinen sind das allein fast 20 Meldungen. Wir selbst sehen nur eine Maschine, obwohl es am ersten Meldepunkt Hölles schon ziemlich Stau gibt.

Der Anflug ist kompliziert, nicht nur, weil Wiener Neustadt Ost und der (heute aktive) Militärflughafen Wiener Neustadt West mit sechs Pisten direkt Seite an Seite liegen, sondern weil auch der Flugplatz Vöslau mit seinen zwei Platzrunden in der Nähe ist, dazu ein Sperrgebiet und gewisse Sektoren, die nur für Anflug oder Abflug reserviert sind. Die Karte sieht aus wie ein Maikäfer mit all den Meldepunkten!

Das Anflugblatt LOAN verzeichnet zwei Funkfrequenzen, die meisten von uns entscheiden sich mangels Hinweise einfach für die 122,655. Es entsteht ein ziemliches Chaos, bis der Tower durchgibt: „All Stations, you are using the Ground Frequency, please change to 130,005“. Wie man sich vorstellen kann, dauert es seine Zeit, bis sich alle umgemeldet haben, und das praktisch direkt im Anflug auf die Platzrunde.

Tim schlägt vor, dass wir ein 360° machen. Gute Idee, um das ganze etwas zu entzerren, und schließlich segeln wir ganz entspannt auf die 1000m lange RWY27 zu und rollen ab Richtung Diamond Werk, wo wir gleich einen „Termin“ haben.

Am Boden verwarnt der Tower uns und eine Maschine der Kollegen, wir hätten uns nicht ordnungsgemäß von Wien Information abgemeldet. Leicht verblüfft antworte ich, dass wir von der Dame sehr wohl verabschiedet wurden – aber was kann man jetzt noch machen. Lassen wir es darauf beruhen – es war voll, und viele ähnliche Callsigns. Ich nehme mit, dass ich mich in solchen Situationen zukünftig besser nicht mit dem Kürzel, sondern dem vollen Kennzeichen abmelde, um die Orientierung etwas einfacher zu machen.

Steffi, welche Tom und ich beim Red Bull Air Race Besuch im letzten Jahr kennengelernt hatten, empfängt uns wie alte Freunde und hat für uns eine Führung durchs Diamond Werk organisiert. Tatsächlich wurde diese Idee letztes Jahr spontan geboren, und wird heute Wirklichkeit. Ihre Kollegin Sandra zeigt und erklärt uns die Hallen, in denen in unfassbar viel Handarbeit alle Einzelteile der Flugzeuge gebaut werden, mit denen wir zum Teil gerade hier gelandet sind.

Allein der Kunststoffverbund, aus dem die Zelle besteht, wir in mehreren Schritten und Schichten verklebt und mit Harz gehärtet, es ist eine unheimlich präzise Arbeit, wie das genau gepinselt, getrocknet, erneut gepinselt und übereinandergeklebt wird. Die gesamte Halle ist mit pinkfarbenen Folien bestückt, es werden geheimnisvolle Mixturen gemischt, Formen aller Flugzeugteile ausgekleidet und mit den ersten Schichten ausgelegt. Es erinnert mich an die berühmten Wimmelbilder, in denen unglaublich viele Personen unglaublich viele Dinge machen und man nie alles entdeckt, was passiert.

Wir dürfen zwar Fotos machen, aber keine veröffentlichen. Das ist verständlich und sowieso schön, so viel Vertrauen zu bekommen, inmitten der ArbeiterInnen herumspazieren zu dürfen. Mein Lieblingsort ist die Wärmekammer – 40 Grad zum Aushärten der Materialien, wenns schnell gehen muss!

Zum Schluss landen wir im Übergabe-Hangar für die fertigen Maschinen. Alle scharen sich rund um eine nagelneuge DA62, Neupreis liegt über 1 Million. Unser Präsident nimmt Platz und – komisch – will einfach nicht mehr aussteigen…

Dann bekommen wir noch Geschenke! Für jeden von uns steht eine Tüte mit Give-Aways bereit, und ab da tragen die meisten von uns Diamond Kappen 😉 Unten unser Abschlussfoto! Danke Steffi für die spannende und schöne Tour!

Nach einem Lunch in der leckeren Diamond Kantine auf der Terrasse fliegen wir weiter. Diesmal ist Matthias mein Co-Pilot. Eine scharfe Linkskurve nach dem Take-Off, um nicht den Luftraum des Militärplatzes zu verletzen, dann peilen wir den Neusiedler See an.

(c) Foto Peter Müller

Jetzt heißt es genaue Höhe einhalten: wir fädeln ein zwischen dem Luftraum Wien Schwechat und dem See – dort müssen wir aus Naturschutzgründen über 1500 Fuß sein, gleichzeitig aber unter 2000 Fuß, weil über uns die Airliner im Approach einschweben.

Und so genau geschieht es – 2000 Fuß über uns quert ein Airbus unsere Route – ich hab mir die Höhen später auf Flightradar24 angeschaut. Neulich bin ich selbst dort in einer Dash 8 über diese Route eingeschwebt und habe von oben den See und das schöne Muster der Felder betrachtet:

Der Airbus sieht riesig aus, als wir von der Katana aus sein Fahrwerk anstarren. Wir diskutieren gerade unsere Bedenken wegen herabsinkender Wirbelschleppen, da nähert sich von vorne ein startender Airliner, der sich über uns mächtig in die Kurve legt. Vor meinem geistigen Auge quellen die Wirbelschleppen nur so von seinen Flügelspitzen auf uns nieder, aber bis auf ein paar kleine Ruckler spüren wir glücklicherweise nichts.

Wir nähern uns dem Flugplatz Spitzerberg, erkennbar an der unheimlichen Dichte von Windrädern. Die Dinger sind riesig, vor allem wenn man in der Platzrunde auf 1600 Fuß fliegt, einige von ihnen aber 1300 Fuß hoch sind!

(c) Foto Peter Müller

Wie durch Geisterhand sind wir wieder fast alle gleichzeitig am Platz. Wir treffen quer auf die Platzrunde und biegen ein in den linken Gegenanflug. Die Aquila ist vor uns, wir fliegen zwecks Separation ein extended Pattern um die Ortschaft herum und sind im Landeanflug, als wir uns gegenseitig fragen, wo denn auf diesem großen Grasfeld nun genau die Piste sei…

Wir entdecken einige rot-weiße Hütchen, und auch in zwei Zeilen gepflanzte Büsche entlang der… Piste? Taxiway? Die Aquila vor uns landet rechts. Matthias zoomt maximal in Skydemon. „Die Piste ist links!“, ruft er, als ich schon nahe an der Schwelle bin. Ich ziehe noch rüber, aber solche Manöver knapp über Grund… keine ganz gute Idee. Wir beschließen, durchzustarten und müssen erst mal ordentlich Gas in Bodennähe geben, da wir schon auf minimal Speed sind.

Jetzt schnell wieder hoch auf 1600 Fuß… die Windräder stellen sich uns schon wieder in den Weg. Matthias dirigiert mich, doch trotz oder wegen der Besprechung, ob wir wirklich vor der Ortschaft eindrehen wollen, bin ich dann viel zu hoch. Tja, Gelegenheit, sich das Ganze noch einmal von oben anzuschauen 😉

Ich melde ein zweites Go Around über Funk. Später hören wir von den Kollegen, dass wir nicht die Einzigen waren – einige haben den Platz gleich gar nicht gefunden und mussten erst ein paar Mal drehen. Dem Obmann des Flugplatzes war es übrigens reichlich egal, dass zwei Maschinen auf dem Taxiway gelandet sind… trotzdem: ein paar Hütchen mehr auf dem Gras, und alles wäre einfacher.

Der dritte Anflug ist jedenfalls perfekt in Höhe, Speed und Eindrehmoment. Wir setzen super auf und taxeln durch die Steppe bis zum Tower, wo die Kollegen rund um die Tankstellen verteilt sind. Später klettere ich zum Bezahlen zum Tower hinauf, von wo aus die ganze Flotte sauber aufgereiht und eingeparkt für die Nacht schön zu betrachten ist.

Wir chillen, mit vielen Biere auf dem Tisch (Randnotiz: wir übernachten hier natürlich)…

(c) Foto Peter Müller

…und beschließen dann, um noch etwas Hunger aufzubauen, auf den namensgebenden Spitzerberg zu spazieren. Gar nicht so einfach, wie wir feststellen müssen, da wir ja nicht übers Flugfeld marschieren können (irgendwo ist noch eine dritte Piste, wo genau können wir aber wieder nur vermuten). Dazu kommt eine Motocross Strecke, durch die wir quer hindurchstapfen (wohlgemerkt mit Verkehr!), und zu aller Letzt auch noch ein Paraglider, der sich am Hang müht und sich garantiert über die Wandergruppe wundert!

Oben!

Kati, die Betreiberin des Restaurants (auf der Website noch alte Fotos), zaubert uns mit ihrem Mann ein fantastisches Abendessen auf den Tisch – allein dafür würde es sich unbedingt lohnen, wieder hinzufliegen.

Der Platz wurde vor einiger Zeit von Dietrich Mateschitz gekauft, um dort die Red Bull Air Race Piloten zu trainieren. Da das Air Race im Jahr 2019 aber zum letzten Mal stattfinden wird, können sich dort jetzt Feste und Seminare einmieten – es wird ab 2020 Zimmer und Appartments mit 39 Betten geben! Die Donau ist nah, und Bratislawa um die Ecke! Und wo kann man schon Tennis spielen mit Blick auf eine Piste?

Zum Abschluss des Abends gibt’s noch schönes Wetter, wir sagen den Flugzeugen Gute Nacht und werden dann von Kati und ihrem Mann zum Hotel „Goldener Anker“ gefahren, wo wir kurzfristig 14 Personen unterbringen konnten. Im Dunklen sitzen wir noch gemütlich an der ruhig dahinfließenden Donau, bis wir den Schweiß des heißen Tages abduschen und todmüde ins Bett fallen.

2 Gedanken zu „Clubausflug Part I: Wien und Spitzerberg

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